Wer den Gewinner des Eurovision Song Contest schon vor der eigentlichen Veranstaltung kennen will, den Mitarbeiterbedarf seines Drogeriemarkts Wochen im Voraus planen muss oder seine Chancen auf einen Sieg bei der amerikanischen Präsidentschaftswahl verbessern möchte, der verlässt sich heutzutage nicht mehr auf die Einschätzung von Experten, seine BWL-Kenntnisse oder ein Team von Beratern. Vielmehr wird er versuchen, die Antwort in einem Berg von Daten zu suchen.

Von einigen als Datengold bejubelt, von anderen als Ende der Privatsphäre verteufelt, wird Big Data, so die etwas schwammige Bezeichnung für die Analyse von große Datenmengen, spätestens seit Mitte des vergangenen Jahres auch in Deutschland heiß diskutiert. Unter anderem Die Zeit, Süddeutsche Zeitung und Der Spiegel haben die diversen Facetten des Themas ausführlich beleuchtet. Auf Veranstaltungen wie Big Data – Goldmine oder Dynamit? oder Big Data – Chance für Deutschland werden die Potentiale und Gefahren von dem „Haufen Daten“ von Politik, Wissenschaft und Privatwirtschaft erörtert.

Die wesentlichen Akteure in der deutschen Diskussion und gleichzeitig Zielgruppe staatlicher Förderprogramme sind Privatunternehmen, die, so die weitläufige Überzeugung, mit der Auswertung von Big Data erhebliche wirtschaftliche Potentiale anzapfen können. Nur wenn es gelänge, den Datenschatz zu heben, so der Tenor, könne ein Unternehmen im Daten-Zeitalter international konkurrenzfähig bleiben.

Zweifellos bergen die Datenberge, die deutsche Unternehmen über Einkaufsgewohnheiten, Telefonierverhalten oder Musikvorlieben ihrer Kunden sammeln, enorme Potentiale für zielgenaue Werbung und Anpreisung von Produkten. An Beispielen besteht jedenfalls kein Mangel. Ein zentraler Aspekt bleibt in der deutschen Diskussion bislang jedoch vollständig Außen vor: Die Daten können nicht nur zur Profitmaximierung eingesetzt, sondern auch in der Hilfe bei Naturkatastrophen, der Erforschung von Nebenwirkungen von Medikamenten oder für die Eindämmung von übertragbaren Krankheiten genutzt werden.

Eine wachsende Zahl von Institutionen beschäftigt sich daher mit der Herausforderung, die wertvollen Daten hinter den Firewalls der Unternehmen für das Gemeinwohl nutzbar zu machen. UN-Generalsekretär Ban Ki-moon hat hierfür eigens eine Initiative ins Leben gerufen, die sich zum Ziel gesetzt hat, durch die Analyse von zuvor anonymisierten Daten, die tagtäglich durch die Nutzung von Handy, Web & Co entstehen, die Arbeit von UN-Organisationen in Entwicklungsländern zu verbessern. So zeigen erste Studien, dass durch die Analyse von Twitter-Daten Hungerkatastrophen weit früher entdeckt werden können als es heute der Fall ist.

Quelle: UN Global Pulse

Dabei ist die Nutzung von Daten im Besitz von Mobilfunkanbietern, Internetkonzernen oder Marktforschungsinstitute durch gemeinwohlorientierte Organisationen alles andere als einfach. Insbesondere der Datenschutz ist hierbei eine zentrale Herausforderung. Denn nur wenn die Privatsphäre durch Aggregierung und vollständige Anonymisierung (siehe hierzu z.B. das Space Time Boxes Konzept oder die Differential Privacy Methode) ohne Zweifel sichergestellt werden kann, ist ein externer Zugriff denkbar. Wo eine vollständige Anonymisierung technisch nicht machbar und damit kein Zugriff auf die Daten möglich ist, könnten Unternehmen, Anwendungen in ihre Systeme integrieren, die automatisch über auffällige Veränderungen in den Daten – Bewegungen von großen Gruppen während Naturkatastrophen lassen sich anhand von Mobilfunkdaten sehr genau bestimmen – informiert werden. Eine schnellere und gezielte Hilfe ist dadurch möglich.

Es mag überraschen, dass viele Unternehmen der Idee, die von ihnen gesammelten Daten für einen guten Zweck zugänglich zu machen, weitgehend offen gegenüber stehen und bereits in kleinem Rahmen mit der Bereitstellung ihrer Daten experimentieren. Schließlich machen Daten für eine wachsende Zahl von Firmen den entscheidenden Wettbewerbsvorteil aus. Doch zum einen könnten genau durch diese Daten Katastrophen besser bewältigt und damit (potentielle) Kunden vom Verlust von Hab und Gut bewahrt werden. Zum anderen könnte durch die Einrichtung einer Art Data Commons der Ursprung der darin enthaltenen Daten unkenntlich gemacht werden. Eine Gefahr für die Wettbewerbsfähigkeit bestände somit nicht mehr. Institutionen wie der Internationale Verband der Mobilfunkanbieter oder das Weltwirtschaftsforum diskutieren bereits mit Wissenschaftlern, Datenschutzexperten und Regierungsvertretern über die notwendigen rechtlichen, technischen und organisatorischen Grundlagen.

Quelle: UN Global Pulse Quelle: UN Global Pulse

Auch wenn es hierzulande erste Überlegungen zur Rolle von Big Data bei der Bewältigung gesellschaftlicher Herausforderungen gibt, so ist der Fokus noch sehr stark auf den wirtschaftlichen Nutzen beschränkt. Dies liegt wahrscheinlich nicht zuletzt an der Komplexität der Thematik, die nur durch einen intensiven Austausch von Technologie- und Datenschutzexperten sowie Vertretern aus Politik, Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Privatwirtschaft durchdrungen werden kann. Erste Denkanstöße könnten aus dem EU Projekt Big Data Public Private Forum, an dem die Open Knowledge Foundation beteiligt ist, resultieren. Doch eine systematische Auseinandersetzung mit der Frage, wie Daten des Privatsektors zur Bearbeitung von gesellschaftlichen Problemen genutzt werden könnten, findet in Deutschland bislang noch nicht statt.

Disclaimer: Der Autor war von November 2012 bis Januar 2013 für die UN-Initiative UN Global Pulse tätig.