In welchem Verhältnis stehen Praktiken, Ziele und Selbstbild der Open Knowledge Foundation Deutschland? Dieser Frage gehe ich derzeit in meiner Masterarbeit nach und möchte die aktuellen Ergebnisse hier vorstellen. Vorweg sei betont, dass die Arbeit noch nicht fertig ist - über Feedback würde ich mich freuen!

Passend zum Thema der Arbeit zunächst ein Überblick in Form einer Datenvisualisierung:

Im Zentrum steht das übergreifende Ziel der OKF: Die Verbreitung eines bestimmten Offenheitsprinzips durch den Aufbau offener Infrastrukturen. Nach diesem Prinzip bedeutet Offenheit, dass keine technischen oder rechtlichen Einschränkungen die Schaffung, Nutzung, Weiterverarbeitung und Weiterverbreitung von Wissen durch jedermann für jegliche Zwecke behindern. Allgemein lassen sich eine Reihe von Praktiken zum Aufbau offener Infrastrukturen ausmachen, die wiederum dem Erreichen eines bestimmten Sets von Zielen dienen. Zu den Praktiken gehören:

  • Offenheit definieren: Die Bedeutung von Offenheit kann je nach Kontext variieren, weshalb eine genaue Definition benötigt wird. Die von der OKF erstellte Open Definition definiert das o.g. Offenheitsprinzip detailliert in technischer und rechtlicher Hinsicht. Hinzu kommen Richtlinien für die Bereitstellung von Wissen, wie die zehn Prinzipien zum Öffnen von Regierungsinformationen der Sunlight Foundation oder das Fünf-Sterne-Modell von Tim Berners-Lee.
  • Offene Infrastrukturen implementieren: Die Implementierung des Offenheitsprinzips, also die Erstellung, Aufbereitung und Bereitstellung von Wissen in einer Form, die den definierten Kriterien entspricht. Das kann zum einen ganz offiziell durch Auftragsarbeiten für Behörden geschehen, ist aber eher die Ausnahme. Wichtiger ist der Aufbau unabhängiger, alternativer Infrastrukturen, die ohne offizielle Unterstützung durch Behörden entwickelt werden und die Vorteile offenen Wissens demonstrieren sollen, z.B. offenerhaushalt.de. Darüber hinaus werden vor allem auf internationaler Ebene auch technische Standards für die Implementierung offener Infrastrukturen entwickelt, z.B. die Datenverwaltungssoftware CKAN.
  • Offenes Wissen nutzbar machen: Meint das Entwickeln von Werkzeugen, die das bereitgestellte Wissen zugänglich und nutzbar machen, bspw. in Form von interaktiven Datenvisualisierungen. Eine besondere Bedeutung nimmt in diesem Zusammenhang die Förderung von (Daten-)Intermediären ein, die diese Aufgabe übernehmen. Einerseits fördert man die Entstehung neuer Intermediäre, bspw. indem man eine Community aus “Gesellschaftshackern’ aufbaut (siehe unten); andererseits geht es vor allem darum, dass Journalismus stärker “datengetrieben’ und “offen’ sein soll.
  • Lobbyarbeit/PR betreiben: Geschieht klassischerweise durch Kontaktpflege zu Behörden und dem Besuchen bzw. Veranstalten von Konferenzen. Hinzu kommt ein Unterstützernetzwerk, welches hilft, Botschaften innerhalb der im weitesten Sinne netzpolischen Szene in Deutschland zu verbreiten (bspw. auf netzpolitik.org).

Zu den Zielen, die an die Verbreitung offenen Wissens geknüpft werden, gehören:

  • Mehr Beteiligungsmöglichkeiten: Informationen, so die feste Grundüberzeugung der OKF-Mitglieder, sind die Grundlage für Beteiligung. Durch die Verbreitung offenen Wissens soll es BürgerInnen ermöglicht werden, sich einfacher in politische Entscheidungsprozesse einzubringen. Als grobes Vorbild scheint dabei die Entwicklung von Open-Source-Software zu dienen: Selbstselektive Beteiligung durch BürgerInnen, die von der Verwaltung koordiniert wird. Dazu sei viel Experimentierfreudigkeit durch eine beteiligungsfördernde Verwaltung notwendig – statt um die klassische Forderung nach direkter Demokratie geht es also eher um eine offenere und flexiblere Form repräsentativer Demokratie.
  • Sachlicherer Diskurs: Der öffentliche Diskurs soll durch die Verbreitung offenen Wissens stärker “datenbasiert’ ablaufen. Dadurch, dass alle Zugriff auf die Rohinformationen haben, werde „mehr interpretation von wahrheit“ möglich, wodurch es für Politiker schwieriger werde, ihre Meinungen nur mit den ihnen „genehmen fakten [zu] unterfüttern“. Offene Daten sollen ein „gegengewicht zu pr“ werden, indem Debatten „nicht einfach auf meinungen basieren sondern auf fakten“.
  • Bessere Selbstorganisation von BürgerInnen: Die Erstellung und Nutzbarmachung von Wissen soll Bürgern helfen, sich einfacher untereinander zu koordinieren und/oder ihre Interaktion mit Behörden vereinfachen. Dieser Aspekt spielt vor allem bei sog. Civic Apps eine Rolle, wie sie bspw. bei stadtlandcode gefördert werden.
  • Verbesserte Accountability: Öffentliche Verwaltung soll durch die Verbreitung offenen Wissens verantwortungsbewusster werden. Dabei geht es nicht nur um Transparenz im Sinne von Anti-Korruption, sondern darum, generell sein Handeln gegenüber der Öffentlichkeit rechtfertigen zu müssen, z.B. bei Vergabeverfahren.
  • Verbesserte Effizienz: Durch größere Transparenz sollen ineffiziente oder gar redundante Abläufe in Organisationen sichtbar werden, was öffentliche Verwaltung insgesamt effizienter machen soll.

Diese Praktiken und Ziele können wie eine Folie über die einzelnen Projekte der OKF gelegt werden, um zu sehen, wie diese sich darin konkretisieren. Im Bereich Open Government Data konkretisiert sich der Aufbau von offenen Infrastrukturen z.B. in Projekten, die sich auf bestimmte Regierungsinformationen (z.B. offenerhaushalt.de) oder Regionen (z.B. frankfurt-gestalten.de) spezialisieren, oder übergreifende Ansätze verfolgen (wie offenedaten.de). Eine Analogie für das Vorgehen der OKF ist die modulare Entwicklung von Software: in kleinen Schritten werden unabhängige, spezialisierte Projekte entwickelt, die jedoch durch die Verwendung gemeinsamer technischer Standards und Lizenzen zueinander kompatibel bleiben und so ein größeres Ganzes bilden. Die Sicherstellung von (internationaler) Interoperabilität ist daher auch ein zentrales Anliegen der Open Definition.

Je nach Projekt können Praktiken und Ziele auch moduliert und unterschiedlich gewichtet werden. In dem Projekt Open Aid, welches offene Infrastrukturen in der Entwicklungszusammenarbeit etablieren möchte, bedeutet “mehr Beteiligung durch BürgerInnen’ bspw. spezifischer die Möglichkeit für Menschen in den Empfängerländern (von Entwicklungshilfe), Feedback über Effektivität und Folgen von einzelnen Projekten vor Ort geben zu können und besser in die Planung von Entwicklungshilfe eingebunden zu werden. Im Rahmen von Open Access oder Open Science spielt mehr Beteiligung durch BürgerInnen wiederum eine eher nachgelagerte Rolle – hier geht es stärker um Accountability im Wissenschaftsbetrieb.

 

Vor dem Hintergrund dieses modularen Ansatzes zur Etablierung offener Infrastrukturen definieren sich die Mitglieder der OKF nicht über das “Reden’, sondern „übers machen“. Sie betrachten sich selbst als Intermediäre für offenes Wissen und erkennen die praktische Herangehensweise in den einzelnen Projekten als herausragendes Merkmal der OKF an. Das Selbstbild der OKF-Mitglieder als “Macher’ umschreibe ich mit dem Begriff Gesellschaftshacker. Er verdeutlicht, dass man einen „praktischen transparenzansatz“ verfolgt und sich dabei als unabhängiger Vertreter von Bürgerinteressen versteht, der die Etablierung von offenen Infrastrukturen durch Behörden oder Unternehmen gleichzeitig vorantreibt und kritisch begleitet. Den Ausdruck “Hacker’ verwende ich dabei in einem erweiterten Sinne insofern, als ich auch diejenigen Mitglieder darunter fasse, die nicht selbst programmieren (können). Auch diese wirken am Aufbau offener Infrastrukturen mit und teilen eine gemeinsame Vorstellung darüber, wie Gesellschaft organisiert werden sollte. Diese Vorstellung ist in das o.g. Offenheitsprinzip eingebettet. Die Verbreitung dieses Prinzips durch den modularen Aufbau von offenen Infrastrukturen kann deshalb auch als Etablierung eines bestimmten Organisationsprinzips interpretiert werden, das in kleinen Schritten durch die Entwicklung konkreter Projekte vorangetrieben wird.