Ende Oktober 2011 machte netzpolitik.org auf eine „neue Innovation der Verlage“ aufmerksam: den Schultrojaner. Auf Schulcomputern sollte anhand von Software nach unberechtigten Kopien, angefertigt durch Lehrer oder Schüler, gesucht werden. Die Folge der Debatte um die Einführung der „Software“ war eine umfassende Auseinandersetzung mit dem Thema Urheberrechte bei Arbeitsmaterialien an Schulen und damit auch die Geburtsstunde von Open Educational Ressources (OER) in Deutschland. Bei OER geht es dabei um „Lehr-Lern-Materialien“ und wie diese geöffnet oder frei zugänglich gemacht werden können.

Rund 50 Teilnehmer traffen sich auf dem ersten OERCamp in Bremen

Auch wenn die Schulbuchverlage letztendlich von der Idee des Einsatzes eines „Schultrojaners“ abgesehen haben, ging die Debatte um den Einsatz digitaler Lehrmaterialien weiter und so trafen sich vom 14. bis 16. September 2012 OER-Interessierte an der Universität Bremen zum ersten OER(Bar)Camp. Über 50 Teilnehmer folgten dem Aufruf der Veranstalter und diskutierten drei Tage lang über freie Lehrmittel, Urheberrecht und Schulbuchverlage. Dabei wurde offensichtlich, dass vor allem die unklare und komplexe Rechtslage im Rahmen der Urheberrechts Gesetzgebung und das Auslaufen der Sonder-Regelung zum 31. Dezember 2012 für die anwesenden Lehrer ein großes Thema bei der Erstellung und Verteilung von Lehrmaterialien ist.

**Digitale Lehrmittel sind noch in den Kinderschuhen
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Darüber hinaus weckte aber auch die Anwesenheit von zwei Verlagsmitarbeitern aus einem Schulbuchverlag (Cornelsen und Klett), großes Interesse bei allen Beteiligten. Die beiden Vertreter bemühten sich in einer ad-hoc Session die Wertschöpfung der Verlage) zu erklären und zeigten, dass sie als kommerzielle Anbieter im Hinblick auf das Angebot an digitalen Unterrichtsmaterialien nicht völlig untätig sind. Die vorgestellten Ansätzen berücksichtigen dabei zwar mögliche Kollaboration und die Weitergabe von (gekauftem) Material, das aber bisher nur innerhalb von geschlossenen Plattformen. Beispielhaft zeigen das die Projekte Digitale Schulbücher und hier MeinUnterricht.de.

**Unklare Rechtslage stellt eine Herausforderung für Lehrer und Verlage dar
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Wie die Lehrer beklagten auch die Verlagsmitarbeiter die unklare Rechtslage. Hier wurde in vielen Sessions offensichtlich, dass der Gesetzgeber sich mit der unklaren Rechtslage auseinandersetzen muss. Nicht nur weil die Sonderregelung Ende 2012 ausläuft, sondern auch weil das Urheberrecht den Arbeitsalltag der Lehrer und damit die Lehre negativ beeinflusst. Es kann nicht sein, dass auf der einen Seite der Einzug des digitalen Klassenzimmers gefordert wird und auf der anderen Seite der Gesetzgeber diese Thematik ganz außer acht lässt - in der Forderung nach Rechtssicherheit besteht auch mit den Verlagen Einigkeit.

OER vs. Open Access

Obwohl eine enge Verbindung von Open Access und OER naheliegt, unterscheiden sich beide Bewegungen für mehr freies Wissen in wesentlichen Punkten: So beruht die Erzeugung von Lehrmitteln auf einem anderen Prinzip als die Produktion von wissenschaftlichen Publikationen. Auch der Herstellungsprozess seitens der Verlage für Schulbücher und -materialien unterscheidet sich deutlich. Trotzdem könnte die OER Debatte von den Entwicklungen, die es heute schon im Rahmen von Open Access gibt, profitieren. Die Verlage könnten sich zum Beispiel zukünftig an den Erlösmodellen von Open Access-Verlagen orientieren und ihre eigenen Produkte unter freien Lizenzen veröffentlichen. Vielleicht kann die OER-Bewegung darüber auf dem nächsten OERCamp ausführlicher debattieren.

Mehr zum Thema und über die Notwendigkeit für OER findet man in dem Whitepaper des durch Google finanzierten Internet und Gesellschaft Collaboratory. Die abgehaltenen Sessions auf dem OERCamp und die Dokumentation zu einzelnen Sessions wurde in einem GoogleDoc festgehalten.