Der folgende, eingeladene Gastbeitrag stammt von Claus Arndt, Referent des Bürgermeisters für E-Government und neue Medien der Stadt Moers und Christian Geiger, dem Beauftragten für Grundsatzfragen ulm 2.0 der Stadt Ulm. Sie schildern darin ihre Erfahrungen mit dem Open Data City Census Deutschland. Wir danken den Autoren für Ihren Debattenbeitrag, der ungekürzt wiedergegeben wird.

Rahmen

Der Open Data City Census hat direkt nach seinem Start für eine hohe Aufmerksamkeit in interessierten Verwaltungen gesorgt. Gerade in den wenigen Open Data-Kommunen in Deutschland versprach die ansprechend gestylte Website die Aussicht auf mehr Aufmerksamkeit für das Thema bei gleichzeitigem Nachweis der bestehenden Defizite. Hier witterte man Rückhalt für die bisherige Tun und sich Ansporn holen für neue Aktivitäten und frischen Wind: Denn wer findet sich schon gerne mit 0 Punkten in einem öffentlichen Ranking wieder…?
Das Ranking ist eine klasse Idee, doch einige Fragen blieben leider beim City-Census-Ranking der Open Knowledge Foundation offen, die wir Euch nicht vorenthalten wollen: Spiegelt das Ranking das wider, was es widerspiegeln sollte? Kann oder soll die Art und Weise der Dateneingabe standardisiert werden? Wie kann die Korrektheit der Daten sichergestellt werden? Welche Lesart des Rankings und der eingegebenen Daten ist die Richtige?

Kritik

Ausgehend von den aufgezeigten Rahmenbedingungen haben sich verschiedene kritische Punkte an dem Ranking gezeigt, welche kurz dargelegt werden sollen:

(I) Es existieren Datenbestände, die in das Ranking einfließen, deren Existenz allerdings mangels Zugangs durch die Öffentlichkeit nicht nachgewiesen werden kann. (II) Bestimmte Informationen, wer die Eingaben in das Ranking durchgeführt hat, werden anonym gehalten. (III) Teilweise existieren keine Links auf die angesprochenen Datensätze, da diese intern und „nur“ vorhanden, aber nicht öffentlich sind. (IV) Das Kriterium “open” wird auch nicht bedient, wenn teilweise eine “bloße Verlinkung” auf *.pdf-Sammlungen stattfindet, ohne dass die eigentlich nachgefragten “offenen Datenbestände” bereitgestellt werden. (V) Im Ranking werden lediglich die übergeordneten thematischen Kategorien aufgeführt, ohne jedoch eine Möglichkeit anzubieten, einer Kategorie mehrere Datensätze zuzuordnen. (VI) Bestehende Dienstleistungsangebote werden teilweise als Kontakt abgebildet, wenn dort die Daten oder der Zugang zu den Daten und den Informationen liegt. Dies ist problematisch, da den OKFN-Kriterien des Rankings entsprochen wird, aber die intendierte Förderung von Open Data nicht stattfindet. (VII) Es besteht Unklarheit, wie und ob Datensätze abzubilden sind, die nur in Teilmengen den nachgefragten Variablen entsprechen. (VIII) Es besteht des weiteren Unklarheit darüber, wie und ob Datensätze abzubilden sind, die nur für einen Stadtteil, nicht jedoch für die gesamte Stadt, existieren. (IX) Wie ein Umgang mit landesweiten Portallösungen stattfinden soll (z.B. Handelsregister), ist nicht weiter geregelt - auch nicht, wie mit Daten umgegangen werden soll, bei denen die Datenhoheit nicht bei der Kommune, sondern anderen Stellen bzw. Verwaltungsebenen liegt. (X) Es wird (mit Blick auf Punkt IX) auch nicht deutlich, dass es bei dem Census nicht um das Ranking der Stadtverwaltungen geht, sondern um ein Ranking der Städte (= die zu einer Stadt verfügbaren Datensätze). (XI) Die abgefragten Kategorien sind nicht vollständig (es fehlen z.B. Geodaten, Ratsinformationssysteme, Bildungs- und Bevölkerungsdaten). Allein hierdurch können sich Ungleichbehandlungen beim Ranking ergeben, da trotz vorhandener offener Daten keine Punkte erzielt werden. (XII) Auch kann mit einem einzigen Datensatz in einer Kategorie die volle Punktzahl erreicht werden. Wenn in einer anderen Stadt mehrere Datensätze zu dieser Kategorie vorliegen, wirkt sich dies allerdings auch nicht anders auf die Bewertung aus. (XIII) „Die Auswahl der Kategorien ist kritisch zu hinterfragen: Mit der Anzahl der “Baugenehmigungen” wird möglicherweise ein Wert abgefragt, der nach heutiger Einschätzung eine eher nachgelagerte Rolle spielt.

Bewertung

Generell ist ein Ranking positiv zu bewerten, da es Community, Verwaltungsakteure und Dateninhaber an einer Stelle bündeln kann. Diese Leistung wird allerdings auch vom govdata.de - Portal des Bundes angeboten. Des Weiteren deckt das Ranking auch durch das Benchmarking Potenziale auf, wo bestimmte Daten liegen, ob diese digital verfügbar und ob sie online sind. Das Ranking ist dabei jedoch irreführend, denn es verleitet zu der Annahme, dass die genannten Datensätze gleichzeitig offen, im Sinne von Open Data, sind. Es entspricht damit nicht dem Anspruch festzustellen, welche Daten in welcher Stadt wie offen sind. Das Bewertungssystem kann schlimmstenfalls dazu führen, dass Städte, die keinerlei Open Data-Angebot haben, im Ranking höher liegen als Städte, die offene Daten anbieten. Genauso ist es möglich, dass Städte mit ihrem Open Data-Portal keine Punkte erzielen können, weil sich ihre Datensätze keiner Kategorie zuordnen lassen. In beiden Fällen kann dies vor Ort zu unangemessener Kritik - z.B. aus dem politischen Bereich - führen. Die plakative Darstellungsweise des Census lädt hierbei zu schnellen und evtl. voreiligen Bewertungen ein. Hier wird die Stärke der Visualisierung gleichzeitig zu ihrer Schwäche - eine differenzierte Beurteilung der Ergebnisse können nur Experten leisten. Theoretisch lässt sich mit einem Datensatz pro Kategorie die volle Punktzahl im Ranking erreichen - dies kann allerdings nicht die Intention der Ranking-Verantwortlichen sein.

Vorschläge und Fazit

Wenn es das Ziel des Rankings ist, zu bewerten, wie offen eine Stadt mit ihren vorhandenen Datenbeständen umgeht, möchten wir einige Anregungen mit auf den Weg geben: Eine Belohnung in Form von Scoring-Punkten für die bloße Existenz von Daten darf nicht stattfinden. Auch eine Belohnung für die “digitale Existenz“ der Daten darf es nicht geben. Die erste Variable, welche mit einer positiven Bewertung im Rahmen von Punkten verbunden sein sollte, sollte nach einer positiven Prüfung erfolgen, wenn die Daten tatsächlich online stehen. Zudem sollten auch innerhalb einer Kategorie weitere Felder für Links zu möglichen ergänzenden Datenbeständen vorhanden sein. Die Erweiterung um ein Feld, ob die Daten für die gesamte Stadt vorhanden sind, wäre sinnvoll. Je nach Zielsetzung sollten auch bestenfalls die Datenbestände abgefragt werden, deren Veröffentlichung die Stadt selbst steuern kann (keine Verweise auf landes- / bundesweite Lösungen, da hier keine Varianz dargestellt wird). Ob die Punktevergabe am Ende sinnvoll ist und eine ausreichende Varianz damit hergestellt wird oder ob eine Ampel zur Selbsteinschätzung ausreichend ist, sollte diskutiert werden. Eine Realisierung über das 5-Stars-Modell von Tim Berners-Lee für jede Variable könnte am Ende mehr Vorteile mit sich bringen, als eine kumulierte Darstellung mit Punkten in einem Index. Eine weiterreichende Idee für einen Census wäre möglicherweise die direkte Bewertung der kommunalen Datenbestände aus dem govdata.de - Portal des Bundes. Automatisiert könnten so sämtliche Daten bereitgestellt bzw. abgegriffen werden, ohne ein weiteres Mal die kommunalen Daten in weitere, fremde, Formulare einzupflegen.