EU Kids Act: Die Meinung der Jugendlichen des Jugendbeirats zu den Gesetzesvorschlägen für Jugendliche

Die Europäische Kommission möchte Kinder und Jugendliche besser vor den Gefahren digitaler Plattformen schützen. Statt die Plattformen zu sicherem Design für alle zu verpflichten, droht der vorgeschlagene EU KIDS Act zum Risiko für Teilhabe, Privatsphäre und Grundrechte zu werden. Denn die Europäische Kommission möchte umfassende Mechanismen zur verpflichtenden Alterskontrolle für soziale Medien, Spiele und andere digitale Plattformen einführen. Kritik kommt nicht nur aus der Wissenschaft, dem Ethikrat oder der Zivilgesellschaft, sondern gerade auch von den Personen, die geschützt werden sollen – jungen Menschen. Der Jugendbeirat von Jugend hackt beschäftigt sich seit einiger Zeit mit dem Thema und legt hier seine Position dar.

Wir als Jugendliche nutzen die sozialen Medien überwiegend um uns mit anderen zu vernetzen. Wir als Jugendbeirat sehen die Beschränkung dieses Medium als einen zusätzlichen Schritt in die Vereinsamung der Generation Z. Vor allem bei Jugend hackt wird uns gezeigt, dass wir im Internet auf verschiedene Gefahren treffen können. Aber wir als Jugendliche sollten mitentscheiden, wie der Schutz vor diesen Gefahren aussieht.

Dass dieser Schutz im Dialog mit uns gestaltet werden muss, zeigen auch die ambivalenten Auswirkungen von der Nutzung Sozialer Medien auf Kinder und Jugendliche. Dabei ermöglicht die Verwendung von Social-Media-Plattformen eine erweiterte Kommunikation zwischen Freunden, welche außerhalb nicht möglich ist. Ebenfalls ermöglicht es eine Kommunikation zwischen Jugendlichen, welche nicht im gleichen regionalen Raum wohnen. Dies ist beispielsweise bei Jugend hackt durch die großen Online-Community der Fall, welche ohne soziale Netzwerke nicht möglich ist, da diese innerhalb von Deutschland verteilt ist.

Digitale Kompetenz ist keine Frage des Alters

Auf der anderen Seite kann die Nutzung von Social Media auch negative Auswirkungen haben, diese werden unter anderem hervorgerufen durch Phänomene wie Filterbubbles und Fake News. Entscheidend ist dabei der Umgang und die Interaktion auf Social-Media-Plattformen. Dabei kann durch Aufklärung und Wissensvermittlung, sowohl über die technischen, als auch die sozialen und politischen Aspekte - wie es bei Jugend hackt passiert - über die Gefahren aufgeklärt werden. Dies ist dabei nicht nur ein Problem der jüngeren Generation, sondern ein gesamtgesellschaftliches. Ohne Wissen über die Phänomene der Social-Media-Plattformen kann jemand mit 13 genauso gut drauf reinfallen, wie jemand mit 30 oder 65. Dementsprechend wird ein einziges Verbot für jüngere Menschen keinen generalisierten positiven Einfluss auf die Verringerung der negativen Auswirkungen von social media haben. Nur durch eine gesamtgesellschaftliche Aufklärung und Bewusstsein über die Funktionsweisen, Phänomene und Auswirkungen von Social-Media-Plattformen ist es möglich, die negativen Konsequenzen nachhaltig und langfristig zu verringern.

In der vergangenen Zeit gab es sehr große Diskussionen über ein Verbot sozialer Medien für junge Menschen. An dieser Debatte hat uns gestört, dass junge Menschen wenig angehört wurden.

Nach langer Unklarheit gibt es nun einen konkreten Gesetzesvorschlag. Mit dem EU KIDS Act sollen verpflichtende Regeln für digitale Plattformen eingeführt werden, um die Gefahren für Kinder und Jugendliche zu begrenzen. Gut dabei ist, dass schädliche Features, die süchtig machen oder Gefahren darstellen können, verboten werden sollen. Wir finden das wichtig, da süchtigmachende Features dazu führen können, dass wir mehr Zeit auf Social Media verbringen. Auch wenn wir uns selbst Ziele gesetzt haben, weniger auf Social Media zu sein. Solche Risiken betreffen grundsätzlich alle Nutzenden und können es erschweren, die eigene Nutzung bewusst zu kontrollieren.

Junge Menschen werden nicht angehört

Gleichzeitig sollen aber auch breite Alterskontrollen eingeführt werden – und das nicht nur für die großen Plattformen, sondern fast alle Online-Dienste. Das sehen wir sehr kritisch. Alterskontrollen erfordern viele persönliche Daten, wie Ausweisdokumente, ein Selfie oder - im aktuellen Vorschlag - sogar eine Geburtsurkunde. Auch wenn die Kommission eine datensparsame Altersprüfung vorsieht, bleiben Fragen: Wie zuverlässig und sicher funktionieren solche Systeme? Welche Folgen haben sie für Menschen ohne passende digitale Identitätsnachweise? Wenn der Schutz zudem nur auf der Alterskontrolle basiert, kommen Jugendliche schnell in Bereiche im Internet, in denen sie nicht mehr geschützt sind. Und wie verhindert man, dass Altersprüfung später für immer mehr Bereiche eingesetzt wird?

Es braucht einen Schutz vor den Gefahren der großen Plattformen. Wir als Jugendliche fühlen uns jedoch vorgeschoben für etwas, das wir gar nicht wollen. Es braucht einen klaren Vorgang gegen schädliche Features und Firmen, die uns süchtig machen wollen. Noch dazu betreffen diese Risiken alle Menschen, die Social Media nutzen. Was es jedoch nicht braucht, sind mehr schädliche Systeme, die uns gefährden.

Verbote verlagern die Probleme nur

Wir erwarten, dass weitreichende Maßnahmen für die Eindämmung der Probleme, die durch Social Media hervorgerufen werden, veranlasst werden. Dabei ist ein Verbot keine nachhaltige Strategie, sondern verlagert die Konsequenzen der Vernachlässigung unter anderem der Bildung durch die Politik auf die Kinder und Jugendlichen.

Eine Verbesserung der Pflichtbildung in Schulen, die zeitgemäße Themen enthält, würde das gesamtgesellschaftliche Wissen über Social-Media-Plattformen und deren Verwendung in unserer Zeit deutlich verbessern. Dabei sind ebenfalls außerschulische Bildungseinrichtungen für Jugendliche wichtig, da diese anhand der Interessen dieser eine tiefgehende und multidimensionale Auseinandersetzung mit Problemen des 21. Jahrhunderts ermöglicht. Dies passiert beispielsweise bei Jugend hackt. Durch die Betrachtung des Social-Media-Problems durch mehrere Perspektiven und Dimensionen ermöglicht es eine differenzierte Betrachtung und Lösungssuche des Problems.

Ebenfalls erwarten wir eine Veränderung des Designs der Plattformen. Diese haben einen proprietäres und manipulativen Algorithmus, welcher die Probleme verursacht oder verstärkt. Dementsprechend wäre eine Veränderung des Designs und eine Offenlegung des Algorithmus’ erforderlich, um die negativen Einflüssen zu verringern. Außerdem würde ein sicheres Design mit klar durchsetzbaren Beschränkungen ein positiven Einfluss haben.

Wir wollen, dass junge Menschen im digitalen Raum besser geschützt werden, ohne dass dabei unsere Grundrechte, unsere Privatsphäre oder unsere Möglichkeit zur gesellschaftlichen Teilhabe eingeschränkt werden. Dafür braucht es aus unserer Sicht keine pauschalen Alterskontrollen, sondern Maßnahmen, die tatsächlich an den Ursachen der bestehenden Probleme ansetzen. Die Empfehlungen der Expert:innenkommissionen zeigen bereits viele Möglichkeiten auf, wie junge Menschen beim sicheren und selbstbestimmten Umgang mit digitalen Technologien unterstützt werden können. Dazu gehören insbesondere mehr Medienbildung und Aufklärung, niedrigschwellige Beratungsangebote sowie Orte, an denen junge Menschen sich über ihre Erfahrungen austauschen und gemeinsam Lösungen entwickeln können. Auch Schulen und außerschulische Bildungsangebote sollten dabei stärker unterstützt werden, damit digitale Kompetenzen nicht davon abhängen, wie viel Wissen oder Unterstützung jemand im eigenen Umfeld bekommt.

Plattformen in die Pflicht nehmen

Gleichzeitig müssen die großen Plattformen stärker in die Verantwortung genommen werden. Sie sollten dazu verpflichtet werden, Risiken für junge Menschen ernst zu nehmen, ihre Geschäftsmodelle transparenter zu gestalten und wirksame Schutzmaßnahmen umzusetzen. Dabei sollte nicht die Verantwortung auf einzelne Nutzer:innen oder ihre Familien abgeschoben werden. Schutzmaßnahmen müssen vielmehr dort ansetzen, wo Risiken entstehen – insbesondere bei den Strukturen und Mechanismen der Plattformen selbst.

Zum anderen müssen Eltern bei jüngeren Jugendlichen zwar Möglichkeiten haben, potenziell gefährliche Inhalte oder durch Filter markierte Nachrichten zu prüfen. Jedoch stets unter Wahrung der jugendlichen Privatsphäre. Exzessive Kontrolle schafft Misstrauen und führt lediglich dazu, dass Jugendliche auf unregulierte Plattformen ausweichen.

Besonders wichtig ist uns, dass junge Menschen bei der Entwicklung und Umsetzung dieser Maßnahmen nicht nur mitgedacht, sondern tatsächlich beteiligt werden. Wir kennen die digitalen Lebenswelten aus eigener Erfahrung und können deshalb wichtige Perspektiven einbringen, die in politischen Entscheidungen häufig fehlen. Beteiligung sollte dabei mehr sein als eine einmalige Befragung: Junge Menschen sollten dauerhaft die Möglichkeit haben, ihre Erfahrungen, Wünsche und Kritik einzubringen und an Entscheidungen mitzuwirken. Nur wenn Schutz, Freiheit und Teilhabe gemeinsam gedacht werden und junge Menschen selbst mitreden können, entstehen Lösungen, die im Alltag funktionieren und die digitale Welt für alle sicherer und fairer machen. Da wir die digitalen Lebenswelten aus eigener Erfahrung kennen, fordern wir eine dauerhafte und echte Beteiligung von Jugendlichen bei der Entwicklung dieser Schutzmaßnahmen. Nur wenn Schutz, Freiheit und Teilhabe gemeinsam gedacht werden und junge Menschen selbst mitentscheiden, entstehen praxistaugliche Lösungen für eine sicherere und faire digitale Welt.