Ergebnisse der Studie „Black Box Bildung“

Wir veröffentlichen eine Kurzstudie zu den Potenzialen von Schuldaten für ein lernendes Schulsystem

Das deutsche Schulsystem ist eine Blackbox. Es gibt kaum Länder, die so wenig über ihre Schulen wissen, wie Deutschland. Dabei werden in Deutschland durchaus Daten erhoben und das schon seit Jahren. Doch die sind oft nicht miteinander vergleichbar, nur bruchstückhaft vorhanden, werden nicht bereitgestellt oder haben schlicht keine gute Qualität. Dies gilt sowohl im Vergleich zu Schuldaten vieler anderer Länder als auch im Vergleich zu anderen Daten, die in Deutschland erhoben werden, etwa Arbeitsmarktdaten, welche von sehr hoher Qualität sind und professionell verwaltet werden. “Wir sind ein absolutes Entwicklungsland, was das Monitoring unserer Bildungsergebnisse angeht und liegen auch im internationalen Vergleich weit hinter Ländern wie den Niederlanden, den USA oder Großbritannien.”, kritisiert etwa der Bildungssoziologe Marcel Helbig.

Warum sind Schuldaten in Deutschland von häufig schlechter Qualität? Wie ließe sich die Datenlage verbessern? Wer genau sollte Zugang zu welchen Daten haben? Diese und weitere Fragen haben wir im Rahmen der nun veröffentlichten Kurzstudie zehn Expert*innen in halbstrukturierten Interviews gestellt, um einen Einblick in deren Einschätzung der Barrieren, Verbesserungsmöglichkeiten und normativen Grundsätze im Umgang mit Schuldaten in Deutschland zu bekommen. Unser Ziel war es, dadurch etwas Licht auf das zu werfen, was Datennutzer*innen normalerweise nicht zu Gesicht bekommen, nämlich die tägliche Datenpraxis von Akteuren an Schulen, in Behörden, Landesinstituten für Schulentwicklung, Elternvertretungen, in der außerschulischen Bildungsarbeit sowie in der Bildungsforschung.

Status Quo: Welche Schuldaten sind öffentlich?

Was wissen wir über unsere Schulen bzw. welche Informationen können öffentlich nachvollzogen werden? Mit dieser Frage beschäftigt sich das 2017 von der OKF gegründete Projekt jedeschule.de, das inzwischen von Code for Germany unter jedeschule.codefor.de fortgeführt wird. Anlässlich der Kurzstudie wurde das durch jedeschule entwickelte Monitoring verfügbarer Daten aktualisiert. Daraus geht hervor, dass in erster Linie Adressdaten der Schulen zugänglich sind und das seit acht Jahren nachezu unverändert, lediglich das Datenformat hat sich geändert. So veröffentlichen fast alle Bundesländer Verzeichnisse, die die Schulnamen, Telefonnummern und Schul-IDs enthalten. Das größte Problem hier ist, dass die IDs über die einzelnen Bundesländer hinweg uneinheitlich sind. Das erschwert die eindeutige automatische Identifikation von Schulen, da die Schulnamen oft mehrfach existieren. Die Daten werden in der Regel zum einfachen Tabellendownload zur Verfügung gestellt. Die Bundesländer Berlin, Saarland, Brandenburg und Hamburg nutzen den weit verbreiteten und gut maschinenlesbaren Geodatenstandard WFS. Nur Sachsen und Schleswig-Holstein bieten eine API an. Mecklenburg-Vorpommern bildet die einzige Ausnahme, indem das Land neue Daten nur zum Kauf und nicht zum öffentlichen Download bereitstellt. Lediglich historische Daten können kostenlos heruntergeladen werden.
Manche Bundesländer veröffentlichen zusätzlich weitere Daten, wie zu personellen Ressourcen und zur Schülerschaft, das allerdings nur vereinzelt und uneinheitlich. In seltenen Fällen gibt es auch Daten über konkrete Schulangebote an den Schulen. Die Monitoring-Tabelle wird mit der Kurzstudie veröffentlicht und gibt einen Überblick zur Datenverfügbarkeit in den einzelnen Bundesländern und kann bei veränderter Faktenlage oder identifizierten Fehlern angepasst werden (Recherchestand 2024).

Ein weitaus sensibleres Thema sind Leistungsdaten, wie die Ergebnisse von Lernstandserhebungen wie VERA (VERgleichs Arbeiten). Diese Erhebungen werden deutschlandweit schulscharf und regelmäßig durchgeführt. Dabei steht die Veränderung von Grundkompetenzen im Mittelpunkt, wie die Lese- und Schreibfähigkeit oder mathematische Grundkenntnisse. Mit wo-ist-vera.de hat die OKF 2021 auf den Umstand aufmerksam gemacht, dass die Daten erstens uneinheitlich und damit in schlechter Qualität erhoben werden, dass das Erheben der Daten zweitens dennoch einen hohen Aufwand für die Schulen und durchführenden Lehrenden bedeutet, aber die Daten drittens selbst kaum genutzt und vor allem nicht öffentlich sind. Eine Übersicht über die Datenlage mit Stand 2021 findet sich noch immer auf der Website der Kampagne. Details zur Kritik und zur damaligen Kampagne wurden auf fragdenstaat.de veröffentlicht.

Insgesamt zeigt sich ein eher dürftiges Bild, das nicht über die Anzahl der Schulen, wo sie sich befinden und wie sie heißen hinausgeht. Dabei stehen theoretisch den zuständigen Behörden wesentlich mehr Informationen zur Verfügung.

Die Ergebnisse kurz zusammengefasst

Wie erwähnt wurden im Rahmen der Kurzstudie zehn Expert*innen befragt. Unter den Interviewten herrschte große Einigkeit, dass Schuldaten eine wichtige Rolle in einem lernenden Schulsystem spielen können und große Potenziale für die Verbesserung von Unterricht, Schulorganisation und Steuerung des Bildungssystems sowie die Reduktion von sozialer Ungleichheit haben. Gleichzeitig werden in Deutschland auch große Barrieren für das datengestützte Lernen gesehen: eine Überlastung der Schulleitungen und Lehrenden, die den Handlungsspielraum verengt, ein Mangel an Daten-Know-how, uneinheitliche Datenerfassung und schlechte Dateninfrastruktur, die den Umgang mit Daten erschweren, ein Mangel an Lern- und positiver Fehlerkultur, der die Bereitschaft, Zusammenhänge sichtbarzumachen, verringert, sowie ein Fehlen an Schulautonomie, das die Akteure zusätzlich dabei behindert, gezielt auf Herausforderungen zu reagieren. Wichtig für die Behebung dieser Mängel sind neben finanziellen Investitionen in Fachkräfte, Kompetenzen und Infrastruktur vor allem ein Umdenken in der Organisation von Schulen und Schulbehörden, um Lernen und Problemlösungsverhalten zu unterstützen. Einem transparenteren Umgang mit dem, was an Schulen passiert und was sich in Schuldaten spiegelt, kommt dabei eine wichtige Rolle zu.

Vorschläge, um das Lernen aus Schuldaten zu verbessern

Wie lässt sich der Status quo verbessern? Nach Vorschlägen dazu befragt, wie Schuldaten für Unterrichts-, Schul- und Systementwicklung fruchtbarer gemacht werden können, wurden von den Befragten folgende Maßnahmen genannt:

  • Entlastung der Schulleitung durch organisationale Veränderungen, z.B. durch eine Doppelspitze aus administrativer sowie pädagogischer Leitung
  • Benutzerfreundliche, einheitliche Softwarelösungen zur Verarbeitung und zum Austausch von Daten zwischen Schulen und Behörden
  • Stärkung der Datenkompetenzen in Schulen und Schulverwaltungen, z.B. durch Anpassungen in Studienplänen und Fortbildungen
  • Bessere Unterstützung der Schulen bei der Interpretation der Daten und Ableitung von Handlungsempfehlungen, z.B. durch Datenbeauftragte
  • Mehr Autonomie für Schulen in der Anpassung ihrer Prozesse
  • Kulturwandel hin zu einer datengestützten Schulentwicklung, z.B. durch Steigerung des Bewusstseins von Schulleitungen für die Möglichkeiten datengestützter Schulentwicklung
  • Vollerhebungen zu standardisierten Messungen von Schüler*innenkompetenzen über die Zeit und zentrale, deutschlandweite Verwaltung der Daten sowie Zugänglichkeit dieser Daten für die Wissenschaft

Details zur Einschätzung der Potenziale von Schuldaten, der Risiken sowie zu Handlungsempfehlungen finden sich in der Kurzstudie von Mira Fischer und Maximilian Voigt.

Bei Rückfragen zu den Ergebnissen: Maximilian Voigt, maximilian.voigt@okfn.de